HerMajesty
"Mischzustand"
Sinuskurve, lallt Fauser. Zickezacke,
brüllst du.
Vor kurzem.
Vor kurzem muss es gewesen sein, dass dir die Sonne schien so golden.
Vor kurzem und schon ist jede Erinnerung daran verblasst wie blaue Tinte auf
gelbem Papier.
Du fühltest dich wie eine geschüttelte Flasche Sekt. Deine Hände flatterten
zwischen
den Dingen, auch ohne Kaffee warst du starkhell und bärenwach.
Wenn doch nur der Tag mehr Stunden hätte, dann wärst du jetzt vielleicht noch
bären-hell und hättest alles erledigt, was es jemals zu erledigen gibt. Du
hättest eine Roman-trilogie vollendet, deinen Bruder in Öl porträtiert und einen
Song geschrieben, obwohl du nicht Klavier spielen kannst. Du hättest in der
Küche eine Hygienemaßnahme durch-geführt, sogar unter dem Schrank und hinterher
wärst du schwimmen gewesen und immer noch hättest du Zeit gehabt, deinen Wirt zu
besuchen, bei dem du Georg getrof-fen hättest und dem hättest du den Song
vorgetragen, bis der Schnaps dich ruhiger gemacht hätte, nur beim Würfeln wäre
es dir auf einmal lästig geworden, das Flattern deiner Hände, du hättest dich
nicht getraut, dem Georg vier Finger an die Wange zu legen, denn vielleicht
wären sie dir ausgerutscht, mitten in seinem Gesicht. Die Zunge hätte dir
ausrutschen können, vielleicht hättest du die verrückte Bäckerin eine alte
Drecksfotze genannt oder deinen Bruder ein blödes Arschloch, deinen Wirt eine
dumme Sau und den Georg einen Schnösel.
Gegen jedes hätte gibt's 'ne Tablette.
Zur ?Harmonisierung' wie der Doktor sich auszudrücken pflegte. Du hast ihn
ausgelacht und die Pillen brav geschluckt.
Vorgestern.
Du hast nicht genug Zeit, um alles zu erledigen. Du fängst aber wenigstens schon
mal alles an. Du beginnst, die Steuererklärung auszufüllen und dir zu notieren,
wem du wie viel Geld überweisen musst. Dann kaufst du ein Huhn, falls du in drei
Tagen ein Huhn braten willst und kochst für gestern eine Reispfanne und isst
dann den Salat von vor zwei Tagen, der dir schon zum Halse raushängt, sich aber
im Kühlschrank überraschend gut gehalten hat. Du fängst an, deine Texte zu
ordnen und sie alle einmal durchzulesen, um zu sehen, wo du stehst, dann machst
du einen Termin beim Zahnarzt. Du denkst dir, den Burroughs heute schnell fertig
zu lesen und scheiterst nach drei Seiten, du fängst an,Wäsche zu waschen, willst
deine beste Freundin endlich anrufen und dann verzettelst du dich und schreibst
Georg einen Brief, obwohl du Georg schon angerufen hast, um ihn zum Essen
einzuladen.
Als Georg kommt, hast du dich schon zweimal in den Daumen geschnitten, weil
deine Finger gar nicht still halten wollen und Georg sagt auch gleich als er das
Blut sieht, er habe gar keinen Hunger und ihr fahrt deshalb zu eurem Wirt.
Deine Hände, so kommt es dir vor, flattern weniger, vielleicht der Blutverlust,
sinnierst du, da rutscht dir der Würfelbecher aus der Hand und der Wirt fragt,
was denn sei. Nichts, sagst du, gar nichts, ich bin nur ein wenig aufgekratzt;
und Georg denkt, es sei seinetwegen, du willst das auch gerne glauben und
steckst deine Hände in die Tasche des Kapuzenpullovers, damit sie dir nicht mehr
davon flattern können.
Königin nennen sie dich, und du lachst, weil du es gar nicht nötig hast, dass
sie dich Königin nennen, weil du ja die Krone aufhast, was wissen die, wie
schwer so eine Krone wiegt, denkst du und traust es dich nicht sagen.
Später bist du vom Bier müde, aber zum Schlafen brauchst du noch ein paar
Schnäpse, denkst du, denn innen fühlt sich dein Schädel so rau an, so
aufgerieben, du denkst an ein Zimmer, das mit Sandpapier tapeziert ist. An ein
Zimmer mit 23 Türen, morgen wirst du sie alle öffnen, denkst du und hinter einer
von den vielen Türen steht Bur-roughs, steht Fauser, wird Georg auf dich warten,
in Strumpfhosen mit einer Narren-kappe, und eine sanfte Brise, ein kleiner
Springbrunnen oder so, was dir dein wundes Gehirn kühlen könnte.
Auf dem Nachhauseweg beisst du die Zähne aufeinander, dass es knirscht und du
bist froh, als du im Bett liegst, aber schlafen kannst du nicht, schlafen kannst
du erst Stun-den später, nachdem du dir ausgemalt hast, wie das Ölporträt deines
Wirts aussehen, der Song für deinen Bruder sich anhören und die Romantrilogie
über Georg sich
lesen sollte.
In deinen Träumen ist dir alles unbekannt und doch macht dir alles noch größere
Angst als du sie aus dem Leben kennst. Du stehst in einem Zimmer mit 23 Türen
und alle klappern sie im Sturm.
Gestern.
Gestern musst du streichen, gestern ist nicht. Wo soll gestern denn sein, fragst
du dich und weißt es wohl, denn gestern ist niemals ganz vorbei.
Gestern hast du Kopfschmerzen bis nachmittags und die Träume wollen sich nur
lang-sam aus dir lösen, du bleibst stumm, den ganzen Tag.
Bei dem Gedanken an Kaffee spürst du ein Flattern in deinem Magen, ein
gefangener Nachtfalter, wahrscheinlich hast du mit offenem Mund geschlafen,
denkst du und hältst Ausschau nach einem Gefäß neben deinem Bett. Du musst dich
ein Stück aus dem Bett herausbeugen, um den Topf mit drei alten Ravioli zu
erwischen, dir wird kalt um die Schultern, in deinem Kopf setzt das zur
Erblindung führende Pochen ein, es ist rot. Du siehst eine Gänsehaut auf den
Unterarmen und der rechte Arm, mit dem du dich ab-stützt, will einknicken, du
weißt nicht mehr so genau, du erwischst jedenfalls den Topf noch rechtzeitig und
weißt nicht, ob der rote Schwall aus deinem Hals was mit deinem Blut zu tun hat.
Du legst dich zurück und tastest mit der Zunge die mit einem Mal stumpf
gewordenen Zähne ab, der Zahnarzttermin fällt dir ein. Ohne die Augen zu öffnen,
schiebst du den Topf soweit wie möglich von deinem Bett weg und legst dir einen
kühlen Unterarm auf die Stirn, du frierst, du hast entsetzliche Kopfschmerzen,
du willst deine Träume vergessen, du willst Wasser trinken, du willst aufstehen
und alles erledigt ha-ben. Eine Stimme in deinem Kopf sagt: Romantrilogie.
Romantrilogie. Romantrilogie.
Du schläfst ein, in deinen Träumen kennst du dich kein bisschen aus.
Am späten Nachmittag stehst du auf und fühlst dich gleich nicht gut. Die
rötliche Brühe im Topf neben deinem Bett, die angefangene Steuererklärung, auf
einem Zettel stehen Unsummen, die du irgend jemandem überweisen musst, selbst
dass du den Fernseher nicht angemeldet hast, bereitet dir jetzt Sorge.
Du schleichst in der Küche auf und ab, dein Bruder hat alles Fleisch aus der
Reispfanne aufgegessen, registrierst du und machst dir Toast mit Butter, trinkst
Wasser aus dem Hahn, du lässt dich auf den Stuhl am Küchentisch fallen, ein Tee
wäre viel zu heiß, alles was sprudelt, könnte den Falter in deinem Magen aus dem
Schlaf reißen.
Die Romantrilogie fällt dir ein, das Ölporträt und den Song vergisst du, ohne
dir des-wegen Vorwürfe zu machen. Du beugst dich vor, um einen Blick auf den
Schreibtisch in deinem Zimmer zu werfen, dir wird flau. Jemand könnte dir per
e-mail eine schlechte Nachricht geschickt haben, dein Herz klopft noch wilder,
als dir der Briefkasten einfällt, sollte jetzt das Telefon klingeln, stirbst du.
Die Toastscheiben saugen den Schweiß von
deinen Handflächen.
Eine Stimme in deinem Kopf sagt in regelmäßigen Abständen das Wort
Romantrilogie. Du hast Angst und stehst auf, um wieder ins Bett zu gehen. Da dir
schwindelig ist, nimmst du dir ein nasses Geschirrtuch aus dem Kühlschrank, um
es dir um Stirn und Nacken zu legen, die hast du immer auf Vorrat. Du windest
dich um die Laken und manchmal quetschst du eine Träne aus deinen
ausgetrockneten Augen; auch als du es dir selber machen willst, musst du es
aufgeben, da du zu trocken bist.
Dein Bruder besucht dich, als die Vorabendserien anfangen. Ihr sprecht beide
nicht. Keinen können die Bilder von seinen Ängsten ablenken und du fragst ihn
nicht, wo er seine Ängste heute aufbewahrt. Du starrst in das blaue Flimmern
zwischen dir und der Welt, keine Zigarette will dir schmecken, du bist froh,
dass Georg dich so nicht sieht.
Spät in der Nacht schläfst du ein, mit einem schalen Geschmack im Mund und der
Angst vor deinem Leben, auf deinen Wangen jucken die wenigen getrockneten
Tränen, du versuchst noch einmal, es dir selber zu machen und schläfst dabei
ein. Als du kurz vor Mitternacht erwachst, ist das Kissen feucht von deiner
Spucke, du drehst dich um und sabberst die andere Seite voll. Romantrilogie,
sagt Burroughs, der sich auf deine Brust gesetzt hat, so dass du dich nicht mehr
rühren kannst, Romantrilogie.
Heute.
Heute ist ein Tag, wie du ihn verfluchen würdest, wenn du die Kraft dazu
hättest. Du weißt, dass heute ewig währt. Selbst wenn schon mehr als zwei
Drittel vorbei sein werden, währt heute immer noch ewig und geht niemals vorbei.
Heute.
Du wachst viel zu früh auf und eine Stimme in deinem Kopf hat schon 23mal
Roman-trilogie gesagt. Das kannst du nicht abstellen und deshalb drehst du dich
um und ver-suchst, die Stimme zu übertönen. Du versuchst es mit polizeiliche
Vorladung, Über-weisung an den Vermieter und Zahnarzttermin. Nichts hilft. Dafür
kannst du jetzt die anderen Stimmen auch nicht mehr abstellen. Du lässt die
Stimmen reden und tust so, als machten sie dir nichts aus. Das nimmst du dir
nicht einmal selber ab. Du quälst dich in den Schlaf, indem du an Georg denkst.
In deinen Träumen taucht kein Georg auf. Romantrilogie krächzt Burroughs,
Romantrilogie lallt Fauser, Romantrilogie lallt Fauser. Romantrilogie lallt
Fauser und bestellt noch ein Bier, Romantrilogie lallt Fauser und be-stellt
einen Schnaps, Romantrilogie lallt Fauser und kotz in dein Hirn.
Du lässt dich auf das Abenteuer ein, erwachst und stehst auf. Dein Antrieb
reicht bis zur Zimmermitte, dann versagen deine Knie, du lehnst dich gegen die
Wand. Romantrilogie, sagt eine Stimme in deinem Kopf, im Hintergrund plappern
der Vermieter, der Zahnarzt und die Polizei. Du schaffst es bis zur Tür, da
fällt dir ein Wort ein: Kaffee. Der Kaffee hält dich am Leben, bis du das
Tablett mit deinem Frühstück vor das Bett gestellt hast, du ziehst alle Vorhänge
zu und trinkst Kaffee, heiß mit viel Milch und Zucker, warm und dick und süß,
denkst du. Romantrilogie, unterbricht dich die Stimme in deinem Kopf. Du
blätterst im Spiegel und entdeckst keinen interessanten Artikel, den du noch
nicht kennst. Du legst vier Finger auf den Burroughs und ziehst sie wieder
zurück, nicht ohne ein schlechtes Gewissen. Romantrilogie brüllt die Stimme in
deinem Kopf und du trinkst die Tasse aus, schenkst dir eine neue ein, weinst,
trocknest dein Gesicht in den Kissen und machst es dir, da du schon die passende
Haltung dazu eingenommen hast, selber. 23 halbe Höhepunkte geben keinen ganzen.
Romantrilogie, wispert es zwischen deinen Ohren, wo du versuchst, dir das
Wimmern einer Sechzehnjährigen, die ausgepeitscht werden soll, vorzustellen, und
auch die Polizei meldet sich wieder drängender zu Wort. Du schwitzt und kämpfst
dich frei, mit einem Fuß wirfst du die Kaffeetasse um. Der Vor-mittag ist keine
Zeit, du weißt nicht, was du anziehen sollst, es ist kühl geworden über Nacht
und die Sonne scheint nicht mehr.
Du lungerst an deinem Arbeitsplatz herum, dein Bruder schläft noch, genau
genommen weißt du gar nicht, ob er in seinem Zimmer ist; du nimmst es besser an,
damit du nicht so ganz und gar einsam bist. Du öffnest alle Dateien und schließt
sie wieder. ROMANTRILOGIE tippst du und formatierst die Buchstaben fett in
Schriftgrad 30, dann löschst du sie wieder. Du schaust in deinem Posteingang
nach neuen e-mails, es hat dir niemand eine geschrieben, bis auf dein Agent und
der scheint verärgert. Du sollst end-lich aufhören mit dieser
Befindlichkeitsscheiße über kleine Mädchen, kein Mensch wolle das lesen,
schreibt er. Du wärst auch gerne verärgert, jedoch bist du nur traurig und
traust dich nicht, Georg anzurufen. Du kannst dir nicht vorstellen, dass er
nicht auch traurig ist. Mit Georg zusammen traurig zu sein, wäre eine
Katastrophe.
Über den Flur schleicht dein Bruder und versteckt sich im Badezimmer. Er hat
Angst vor dir und du bist froh, dass er nicht hereinschaut, weil du Angst vor
ihm hast, die du nicht zeigen willst und du willst seine Angst auch nicht sehen.
Er wäscht sich die Hände (in denen er vermutlich einen verkokelten Löffel hält)
und verschwindet lautlos wieder in seinem Zimmer, er behandelt dich wie eine
Außerirdische, dabei ist er ja wohl der Außerirdische. Bei Gelegenheit wirst du
ihm das vorwerfen. Jetzt stehst du auf und schließt deine Zimmertür, damit ihr
euch nicht begegnen müsst, wenn er in die Küche geht, um sich Honigbrötchen zu
schmieren. Sicher arbeitet er hinter seiner verschlos-senen Tür an einer
Romantrilogie.
Du gehst in den manisch-depressiven chatroom und gerätst sofort mit einem
Maniker aneinander, der dich ein Weichei schimpft, weil du dich für
Antidepressiva interessierst.
Du beleidigst ihn aufs Gröbste, jetzt halten alle dich für die Manikerin;
aufgebracht wie du bist, kannst du niemandem begreiflich machen, dass du
depressiv bist. Dein Bruder muss den Stecker des Modems herausgezogen haben,
denn dein PC teilt dir mit, dass die Verbindung getrennt wurde. Auch gut, denkst
du und hörst die Stimme zum ein-tausendsten Mal das Wort Romantrilogie
aussprechen.
Du beginnst einen Brief an Georg. Dann ersetzt du seinen Namen durch den Namen
deines Wirts. Du löschst den Brief und schreibst einen ganz neuen an die
Polizei, den du erst einmal abspeicherst. Vielleicht, denkst du, kannst du ihn
in der Romantrilogie ver-wenden. Aus dem Zimmer deines Bruders hörst du
Tastenklappern. Du schreibst deinem Bruder einen Brief, in dem du ihn dazu
aufforderst, endlich die Küche und das Bad sauber zu machen, ferner weniger
Drogen zu nehmen und dich wie ein mensch-liches Wesen zu behandeln. Du liest dir
den Brief noch einmal durch und fängst an zu weinen, weil du ihn selbst nicht
ganz verstehst. Dann schiebst du ihn deinem Bruder unter der Tür durch. Wehe, er
verwendet ihn in seiner Romantrilogie!
Heute vergeht nicht und dauert, wie vorausgesagt, ewig.
Die Vorabendserien fallen aus, weil
ein Fußballspiel übertragen werden muss. Du gehst noch einmal in den
manisch-depressiven chatroom, wo man besorgt deinen Zustand diskutiert. Du gehst
wieder raus, ohne dich zu Wort zu melden und hörst ein halbes Lied von Tom
Waits, bis es dir auf die Nerven geht. Tom Waits hat ganze Romantrilogien in
einen einzigen Song gepackt.
Du gehst in die Küche, entdeckst Schimmel in der fleischlosen Reispfanne und
legst einen Topfdeckel drauf. Im Kühlschrank findest du Wurst, aber auf dem
Tisch kein Brot und dein Bruder hat alle Milch ausgetrunken. Du willst ihn zur
Rede stellen, aber er ist gar nicht in seinem Zimmer. Auf dem Boden, dein Brief
liegt da unangetastet, du hebst ihn auf und wirfst ihn auf dem Weg zum
Supermarkt in den Altpapiercontainer. Du kaufst Milch, Frühlingsrollen aus der
Tiefkühltruhe und Würstchen im Glas. Du stehst eine Weile vor dem Saftregal,
kannst dich aber nicht entscheiden, weil es dir so logisch vorkommt, dass drei
Sachen in deinem Einkaufswagen liegen. Das wären Überschriften, denkst du:
?H-Milch', ?Frühlingsrollen' und ?Würstchen im Glas'. Als Titel der Trilogie
könntest du den Preis nehmen, den dir die Kassiererin gleich mitteilt. Gab es
aber schon mal. Außerdem hast du Brot vergessen - sollst du jetzt die Würstchen
da lassen oder eine Tetralogie schreiben?
Das sind also deine Gedanken, denkst du betrübt.
Du schaust auf und siehst die Welt zerlegt in 23 Teile. Da ist es: das
Kaleidoskop im Kopf, das du mehr fürchtest, als alle Hättes zusammengenommen.
Du kannst der Kassiererin nicht in die Augen sehen. Du hast Angst, sie könne dir
anseh-en, dass du an einer Romantrilogie scheiterst. Du hast Angst, sie könne
dir ansehen, dass du diese Angst hast. Die 21 anderen Ängste, die jetzt
plötzlich durch die 21 anderen Türen in deinen Kopf treten, wer hat die bloß
aufgemacht, fragst du dich und drückst der Kassiererin einen Fünfer in die Hand.
Du blickst dich um, polizeiliche Vorladung, denkt es in deinem Kopf. Überweisung
an den Vermieter, Telefonat mit den Eltern, Überweisung an die Telekom.
Überweisung an die Stadtwerke, Termin beim Arbeitsamt, Romantrilogie. Termin
beim Sozialamt, Bibliothek, Zahnarzttermin. Deine beste Freundin anrufen,
Wahnsinn Einhalt gebieten, Würth-Literaturpreis. Georg um Massage bitten,
Agenten hinhalten, Hausmeister wegen Wasserschaden aufspüren.
Import-Export-Manuel wegen PC fragen, Milch nicht verges-sen, keine Angst haben,
weniger Alkohol trinken.
Du kommst nach Hause, dein Bruder hat den ganzen Kühlschrank mit Milchpaketen
blockiert. Du setzt dich an den Küchentisch und schweigst, während er den
Backofen auf und zu klappt, um das Überbacken eines Blumenkohls zu
kontrollieren. Du kannst nicht plaudern, er fragt dich nicht. Du suchst seine
Pupillen und findest sie nicht zwischen seinen fast geschlossenen Lidern. Sehr
geschickt, denkst du, wie er sie zukneift, um dir den Einblick zu verwehren. Du
schlägst die Augen nieder.
Er sagt, wie sehr er dich dafür bewundere, dass du so ganz ohne Drogen dermaßen
ausgeglichen sein könnest. Du verstehst: Wie du nur zufrieden sein kannst mit
deinem beschissen stumpfen Leben.
Du gehst in dein Zimmer und schneidest dir mit einer Rasierklinge 23 Kerben in
den Oberarm, für jede Angst, für jede Romantrilogie eine und dann willst du in
die Küche gehen, um deinem Bruder zu zeigen, wie frisch und schön das Blut über
deinen Unter-arm rinnt, aber dein Bruder liegt längst auf seinem Bett und
schnarcht; wenn du ihm den Fernseher ausmachst, wacht er auf und sieht dich
vorwurfsvoll an - schließlich hat er eben erst eine Romantrilogie vollendet.
Du drückst ein Blatt Papier auf die frischen Wunden, faltest es zusammen und
steckst es in einen Umschlag. Georg, schreibst du auf den Umschlag, natürlich
mit Blut, denn Georg ist ein Schauspieler.
Du nimmst den Blumenkohl deines Bruders aus dem Ofen und schiebst deine
Frühlings-rollen hinein. Du trinkst einen Liter Kakao, bis du dich warm und voll
anfühlst, dann legst du dich ins Bett, aber lesen kannst du nicht, es ist schon
zu dunkel und die Ängste sind zu zahlreich. Du könntest Georg anrufen, wenn du
wüsstest, was du ihm sagen sollst. Ich habe solche Angst, sagst du probeweise in
die Dunkelheit, ich habe solche Angst, Georg. Dann bist du still und lauschst
auf die Geräusche deines Bruders, der in der Küche seinen Blumenkohl zerteilt
und du hältst den Atem an und wünschst dir, er möge kommen und dich trösten. Du
hältst den Atem an und machst keinen Mucks, du schließt die Augen, als du den
Türspalt sich verdunkeln siehst, du horchst, wie dein Bruder, noch leiser jetzt,
in die Küche zurückschleicht, den Herd abschaltet, mit dem Blumenkohl in sein
Zimmer verschwindet und die Tür schließt.
Und du liegst da in der Ewigkeit angekommen und öffnest den Mund zu einem
lautlosen Aufjaulen, schließt die Augen für eine trockene Träne und schlägst die
Fäuste gegen den Kopf, weil du glaubst, das halte die 23 Ängste auf, die auf
einem Möbiusband durch dein Hirn rasen, weil du glaubst, das Kaleidoskop in
deinem Kopf löse sich auf und setze sich neu zusammen und plötzlich gebe es da
wieder nur eine Wahrheit, wie es noch vor kurzem war, du kannst dich kaum
erinnern, dein Verstand zersplittert dir bei vollem Bewusstsein und du hast
nicht einmal ein Taschentuch bei dir, um die Einzelteile darin zu sammeln und
sie aufzubewahren, bis dir jemand dabei helfen will, sie wieder
zusammenzusetzen.
Du stehst auf und stellst eine Abschiedsrede in den manisch-depressiven chatroom.
Sie antworten dir, deine Uneinsichtigkeit gegenüber deiner Krankheit schockiere
sie; sie wollen nichts mehr mit dir zu tun haben.
Du rufst Georg an und beschimpfst ihn, weil er euer Kommunikationsproblem nicht
wahrhaben will, als Beweis dafür führst du an, er habe dich ansonsten längst
angerufen. Georg sagt, er sei soeben im Begriff gewesen, genau das zu tun, aber
du seiest ihm zuvorgekommen. Er faselt etwas von Gedankenübertragung.
Du ziehst dich an, um mitten in der Nacht deinen Wirt aufzusuchen. Du hörst, wie
dein Bruder in seinem Zimmer den Atem anhält, während du Schuhe anziehst. Nur
dein Wirt kann dir jetzt noch helfen. Dein Wirt hat Zeit für dich und Alkohol.
Du betrinkst dich, so schnell es geht, dein Wirt hilft nach mit Kalaschnikows.
Du erzählst von den Tabletten, die du seit wenigen Tagen einnimmst; zur
Harmonisierung, betonst du und grinst schief. Quatsch, Harmonisierung, sagt dein
Wirt erbost, was du brauchst, ist ein Stecher,
das ist alles.
Na, wenn das alles ist, denkst du und schüttest dir den nächsten Kalaschnikow in
den Hemdkragen. Dann kotzt du deinem Wirt vor den Tresen und machst dich aus dem
Staub. Du klingelst bei Georg, aber er macht nicht auf, deshalb wirfst du ihm
einen Zettel in den Briefkasten, den du selber nicht lesen kannst, als er ihn
dir übermorgen zeigt.
Morgen.
Morgen ist wie gestern.
Übermorgen.
Und übermorgen wie heute. Georg zeigt dir einen Zettel von vorgestern, den du
geschrieben hast und jetzt nicht mehr entziffern kannst.
Tage später.
Tage später beschwerst du dich bei der Polizei, die du mit dem Arzt
verwechselst, dass es im Hausflur dauernd nach Eierkuchen rieche und über deine
Träume aus Scherben. Die Polizei lacht dich aus und sagt: ?Ja, wissen Sie, als
Schriftstellerin haben Sie halt auch viel Phantasie.'
Dir kommt wieder diese vermaledeite Romantrilogie in den Sinn und du fällst
geradewegs aus dem Fenster; das stand offen, so gibt es keine Scherben.