Antidepressiva
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Antidepressiva
Antidepressiva werden
weltweit routinemäßig in der Behandlung der bipolaren Depression eingesetzt und
bleiben auch in dieser Indikation die meistverordneten Medikamente , obwohl
viele Therapierichtlinien in unterschiedlichem Ausmaß zum zurückhaltenden
Einsatz auffordern. Während europäische und internationale Richtlinien den
Gebrauch von Antidepressiva mit der Einschränkung empfehlen, daß sie nicht als
Monotherapie und immer zusammen mit einem antimanisch wirksamen Medikament
gemeinsam verordnet werden sollten, sind nordamerikanische Therapieempfehlungen
oft von noch größerer Skepsis getragen und empfehlen meist bei bipolaren
Depressionen zunächst andere Therapiestrategien. Hintergrund der
Skepsis sind einerseits Zweifel an der grundsätzlichen Wirksamkeit, andererseits
Befürchtungen negativer Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf. Bis vor wenigen
Jahren gab es noch wenige Daten aus klinischen Studien um diese Fragen zu
zufriedenstellend beantworten, und auch aus heutiger Sicht fällt eine endgültige
Beurteilung schwer. Eine große Meta-Analyse zur Wirksamkeit zeigte einerseits
signifikante Vorteile verschiedener Antidepressiva gegenüber Placebo, wobei SSRI
und Bupropion besser abschnitten als Trizyklika, die einen geringeren
antidepressiven Effekt hatten. Dies steht auffällig im Gegensatz zu ähnlichen
Untersuchungen bei unipolarer Depression, wo Trizyklika sehr gute Wirksamkeit
beweisen. Andererseits konnte in einer weiteren, sehr groß angelegten klinischen
Studie in Nordamerika auch kein signifikanter Effekt von SSRI oder Bupropion im
Vergleich zu Placebo gefunden werden. Diese widersprüchlichen Ergebnisse lassen
somit abermals Zweifel an der Effektivität von Antidepressiva insgesamt
aufkommen. Viel eindeutiger ist die Datenlage zu Sicherheit und unerwünschten
Wirkungen, die es erlaubt Präferenzen zwischen den verschiedenen Klassen
antidepressiver Medikation zu formulieren. SSRI und Bupropion zeigen bezüglich
der Auslösung manischer Phasen ein geringeres Risiko als Trizyklika. Auch
Venlafaxin scheint häufiger mit neu auftretenden manischen Phasen assoziiert zu
sein als SSRI und Bupropion, was möglicherweise als Klasseneffekt auch auf
andere duale Antidepressiva wie Duloxetin und Milnacipran zutrifft. Von dem
Gebrauch trizyklischer Antidepressiva ist daher bei bipolaren Patienten
insgesamt abzuraten und auch duale Antidepressiva sollten nie als erste Option
gewählt werden. Auch die Empfehlungen zur Dauer der antidepressiven Therapie
unterscheiden sich von denen der unipolaren Depression. Es erscheint sinnvoll,
in den meisten Fällen die antidepressive Medikation schon früher als nach 6-12
Monaten im Anschluß an die Remmission abzusetzen, wie es meist im Falle einer
unipolaren Depression empfohlen wird. Nur eine kleine Gruppe bipolarer
Patienten, in deren Krankheitsverlauf vorwiegend Depressionen oder nur
depressive Phasen und Hypomanien (Bipolar Typ II) auftreten, und die keine
positive „Switch-Anamnese“ für antidepressive Medikation besitzen, scheinen von
einer längerdauernden antidepressiven Medikation zu profitieren. Innerhalb
dieser Subgruppe kann eine langfristige antidepressive Therapie in Einzelfällen
vertretbar sein und sogar Vorteile bringen. Die Empfehlungen sind in der Tabelle
zusammengefasst.
Im Gegensatz zu Antidepressiva sind andere Therapiestrategien in der bipolaren
Depression nicht mit einem erhöhten Risiko zur Auslösung manischer Phasen oder
Phasenakzeleration assoziiert, die aus diesem Grunde oft als Strategie erster
Wahl empfohlen werden.
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Antidepressiva bei
bipolarer Depression |
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„Switchrisiko“ |
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SSRI |
Mäßig |
Möglich als 1. Wahl zusammen mit einem antimanisch wirksamen Medikament |
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Bupropion |
mäßig |
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Venlafaxin |
höher |
Nur als 2. Wahl |
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Andere duale AD |
Vermutlich höher |
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Trizyklische AD |
Hoch |
Nicht empfehlenswert! |
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Andere AD |
Keine ausreichende Datenlage |
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In den großen Zulassungsstudien der Antidepressiva wurden stets
nur unipolar depressiven Patienten
und keine bipolar depressiven Patienten
eingeschlossen, weshalb keine methodisch reinen Aussagen
über die Wirksamkeit
von Antidepressiva speziell bei bipolarer Depression getroffen werden konnten.
Große Untersuchungen belegen aber inzwischen auch die Wirksamkeit
von SSRI, MAO-Inhibitoren,
Bupropion und trizyklischen Antidepressiva sowohl in
Monotherapie als auch in Kombination mit einem
Stimmungsstabilisierer bei
bipolar depressiven Patienten.
SSRI scheinen hier die höchste Wirksamkeit zu haben.
Venlafaxin
dürfte überdies eine zusätzliche Wirksamkeit bei Patienten mit
Bipolar-II-Depressionen haben.
Der Einsatz einer Antidepressiva-Monotherapie bei bipolaren
Depressionen wird jedoch kritisch gesehen,
da vor allem die trizyklischen
Antidepressiva und Venlafaxin mit einem erhöhten Risiko eines Switches
in die (Hypo)Manie
behaftet sind. Dieses Risiko scheint für SSRI geringer zu sein.
Neuere Studien zeigen insgesamt, daß das Switch Risiko insgesamt viel geringer
ist, als früher angenommen.
In der Langzeitbehandlung bipolarer Störungen ist jedoch jedem Fall die
kontinuierliche Behandlung
mit einem Stimmungsstabilisierer vorgesehen, weshalb
auch bei bipolaren Depressionen
die Therapie stets in Kombination mit einem Mood Stabilizer
durchgeführt werden sollte.
Manche Stimmungsstabilisierer (z.B. Lamotrigin)
weisen überdies einen eigenständigen antidepressiven Effekt auf.
In der Behandlung bipolarer Depression kommen nach
internationalen Therapieempfehlungen primär Stimmungsstabilisierer
und
Antidepressiva zum Einsatz.
US-amerikanischen Leitlinien empfehlen aufgrund des vermuteten
aber letztendlich nie erwiesenen generellen Switch-Risikos
durch Antidepressiva
zunächst eine Monotherapie mit Stimmungsstabilisierern während europäische „Bipolar-Behandler“
großteils übereinstimmend a priori mit einer Kombinationstherapie aus Stimmungsstabilisierern
und einem Antidepressivum zu
beginnen.
Auch werden immer mehr Daten publiziert, die auf antidepressive
Eigenschaften atypischer Antipsychotika
(v.a Seroquel und Zyprexa ) bei bipolaren Patienten hinweisen,
so dass sie wahrscheinlich in Zukunft ein weiteres Standbein der Therapie
darstellen werden.
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