Monique
Lucienne
" P1" Mein Leben an der Grenze
Die Patientin leidet an einer Bipolaren Zyklothymie, sie ist Manisch-Depressiv."
Mit dieser Diagnose wurde ich im Mai 1992 , nach vier Monaten Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik entlassen. Als stabil entlassen.
Stabil, dank des Lithiums ,das ich nun für den Rest meines Lebens einnehmen sollte.
Sowie der Zuckerkranke sein Insulin braucht, so braucht der Manisch- Depressive
sein Lithium, Tegretal ,
oder irgend ein anderes Medikament, das zur Prophylaxe dient.
Es war nicht mein erster Aufenthalt in der Psychiatrie, es sollte auch nicht der Letzte sein.
Ich habe die Diagnose akzeptiert und gelernt mit dieser Krankheit zu leben.
Meine Aversion gegen die Medikamente machen es mir nicht immer leicht , aber
heute habe ich eingesehen ,
daß sich ohne diese Medikamente , mein Leben mehr in der psychiatrischen Klinik
abspielen würde als draußen, in der "normalen" Welt.
Ich möchte versuchen denjenigen Mut zu machen, die wie ich mit dieser "Krankheit" leben müssen.
Seit meinem letzten Aufenthalt in der Klinik bin ich wieder "stabil."
Ich habe zwar noch immer Höhen und Tiefen, aber ich kann damit leben, ich habe es gelernt.
GRENZE
Grenzen in meinem Kopf
Grenze die sich öffnet.
"De quel còté du mur
La frontière nous rassure?"
La frontière est tombée!
LIBERTÉ ?
1. Kapitel
Februar 1995
...Ich merkte, daß ich manisch war...
Ich fühlte es am ganzen Körper. Dieses Gehetzt
sein, diese Unruhe, diese Hemmungslosigkeit,
sie waren mir aus meinen früheren Erfahrungen bekannt.
Ich hatte nur den Vorteil, daß ich jetzt wußte was mit mir geschah..
Mein Psychiater hatte mir meine Krankheit erklärt und ich hatte auch alles
verstanden
auch wenn ich es nicht immer wahr haben wollte.
Die früheren manischen Phasen waren in mir
ausgebrochen, ohne daß ich wußte was mit mir geschah.
Wie sollte ich es denn auch wissen, ich kannte ja diese Krankheit nicht, wußte
nicht einmal ,
daß es so eine Krankheit überhaupt gibt.
Für mich war es immer ein toller Zustand gewesen
wenn ich Manisch war. Ich war dann sehr kreativ, konnte malen,
schreiben, alles was ich anfing schien mir zu gelingen.
Aber ich war auch sehr aggressiv in dieser Zeit.
ich war aggressiv zu meiner Familie und zu jedem
der sich mir in den weg stellte oder versuchte mich zur „Vernunft“ zu bringen.
Und es ging mir gut dabei. Ich fühlte mich so
prächtig,ich fand mich so toll in meiner Hemmungslosigkeit,
keiner konnte mir weh tun. Ich war diejenige die austeilte, und nicht
wenig.
Nach der Manie folgte dann meist eine depressive
Phase, die oft so stark wurde,daß ich mir Abends
beim Einschlafen wünschte Morgens nicht mehr aufzuwachen.
Ich konnte diese Gefühlsschwankungen nicht
verstehen. Nach einer so tollen Zeit, der manischen Phase,
rutschte ich immer tiefer und tiefer.
Manchmal wurde es so schlimm, so unerträglich, daß ich mir überlegte wie ich
diesem qualvollen Leben
ein Ende machen könnte.
Aber ich wußte auch , daß ich dazu nicht fähig war, zwei versuche hatte ich ja schon hinter mir.
Heute weiß ich auch ,daß ich mich nicht umbringen will, ich will nur daß dieser
unerträgliche Zustand endlich aufhört.
Februar1994:
Es war ein Donnerstag im Februar. Es war immer im Februar passiert.
Es war jetzt schon das dritte Mal ,daß ich auf der P1 landete, der geschlossene Station der Psychiatrie.
Aber es war diesmal ganz anders. Es war überhaupt jedesmal anders.
Manchmal vermischen sich meine Aufenthalte und ich
weis nicht mehr genau ob es 1989, 1992,1994
oder der letzte Aufenthalt war von 1998.
1994... Ich war zwei Jahre einigermaßen stabil gewesen. Stabil dank des Lithiums,das ich regelmäßig einnahm
Im Januar wurde mir die Schilddrüse entfernt. Das
Lithium mußte abgesetzt werden.
Nach der Operation sah ich keine Veranlassung dasLithium wieder einzunehmen.,
Ich war im Februar Oma geworden, die Operation war gut verlaufen, und es ging
mir gut...
Es ging mir sehr gut... Es ging mir immer besser.
Es ging mir auf einmal wieder „Zu gut“.
Ich arbeitete immer mehr. Schlief immer weniger.
Die Anzeichen waren mir bekannt und ich beschloß in die Klinik zu gehen.
Ich mußte wieder schlafen ich wollte mir auch
helfen lassen, nur was ich auch wußte war,
daß ich keine Neuroleptika einnehmen wollte.
Neuroleptika waren für mich die allerschlimmsten „Teufelspillen“.
In Der Klinik fragte ich den Arzt was er mir
verabreichen wollte,
er hatte schon eine Spritze in der Hand und hatte eine Infusion angeordnet.
Ich weigerte mich , ich wollte einfach wissen was er mir da verabreichen wollte.
„Wenn sie sich weiterhin so anstellen, landen sie noch vor heute Abend auf der Geschlossene.“
Allein das Wort „Geschlossene“ löste bei mir Panik
aus. Ich war doch freiwillig gekommen,
so konnte ich doch auch wieder freiwillig gehen...
Auf die Geschlosse wollte ich auf gar keinen Fall.
Ich packte meine Tasche und wollte auch schon gehen
als mich der Arzt beim Arm packte,um mich beim Gehen zu hindern.
Ich wehrte ihn ab, ein Pfleger kam ihm zur Hilfe. Ich schlug um mich, und fing
an mich wie eine Furie zu benehmen.
Durch den verursachten Lärm eilten auch schon Pfleger und Schwestern herbei.
Mit Gewalt hielt man mich fest, ich kämpfte jetzt um mein Leben...
Dann ging alles ganz schnell.
Die Geschlossene war in unmittelbarer Nähe des
Artztzimmers, so brauchten sie mich nicht weit zu tragen.
Alles ging von nun an ganz schnell. Es war wie ein Traum. Ein Alptraum...
Die Tür der P1 schloß sich hinter mir, und meine
ganzen Kräfte verließen mich auf einmal.
Vielleicht wirkte schon die Spritze, die man mir im Kampf eingejagt hatte..
Ich wurde ruhiger. Viele Hände umklammerten noch
immer meine Arme und Beine.
Ich wurde in ein Zimmer getragen, auf ein Bett gelegt. Und FIXIERT
An Hand und Fußgelenke befestigten sie Lederriemen und zogen sie so fest an bis es weh tat.
Am schlimmsten waren die Fixierungen an den Füßen.
Die Beine waren gespreizt, denn die Halterungen
befanden sich an den Bettseiten. Mann hatte mich ausgezogen, und ich lag da wie
ein Stück Vieh,
as man zum Schlachten bereitet.
Jetzt wehrte ich mich nicht mehr, es war sowieso
hoffnungslos.
Ich weinte nur noch leise vor mich hin, flehte und bettelte, man möge mir doch
endlich eine Spritze zum Sterben geben.
ch hielt diesen Zustand nicht mehr aus.
Irgendwann in der Nacht lockerte mir ein Pfleger
die Fußgurte.
ie taten weh. Jetzt hatte ich mich endlich beruhigt.
2. Kapitel
Februar 1989:
Mein erster Aufenthalt in der Psychiatrie.
Dieter hat mich in die Klinik gebracht. Ich habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten.
Nach meinem Suizid Versuch hat er mich in Paris abgeholt und wieder nach Hause gebracht.
Ich wollte in Paris sterben, weil meine Kinder mich nicht tot sehen sollten. Meine Familie sollte mich nicht tot sehen.
Warum ich ausgerechnet in Paris sterben wollte, spielt jetzt keine Rolle.
Tatsache war,
daß ich wieder zu Hause war, wo ich nie wieder hinwollte.
Und es war unerträglich.
Unerträglich das Wiederzuhausesein.
Unerträglich, weil ich es wieder einmal nicht geschafft hatte.
Ich war nach Paris gefahren, weil ich das Leben nicht mehr aushielt.
Alles war mir zuviel geworden. : Die Uni , an der ich mich wieder eingetragen
hatte,
um an einem Frauenprojekt mit zu arbeiten, die Schule und der Kindergarten an
dem ich unterrichtete,
ie Privatstunden die ich gab und dann noch der Haushalt und der <Streß mit den
Kindern.
Ich hatte auf einmal das Gefühl auf allen Ebenen versagt zu haben.
Ich war nicht mehr in der Lage mein Leben in den Griff zu bekommen. So konnte
ich nicht weiterleben,
also mußte ich einen Weg finden um zu sterben.
..........
... Die Rasierklingen lagen bereit und der Fernseher lief leise. So war ich doch
nicht ganz alleine .
Das duftende schaumige Wasser fühlte sich angenehm an auf meiner Haut. Mein
Körper war ganz entspannt.
Mit der Rasierklinge fing ich an mir die sichtbaren Adern anzusäbeln. Ganz
zart, denn es tat doch weh.
Ich wußte, daß es nicht die Pulsader war die ich unter der Klinge hatte, ich
wollte mir nur ganz behutsam die Adern aufschneiden,
das Blut würde dann ganz langsam herrausfließen, das Leben auch.
Ich würde einschlafen, und am anderen Tag würden mich die Putzfrauen finden.
Ganz sanft wäre ich eingeschlafen, ganz ohne Gewalt...
Aber so einfach war das nicht. Das Blut wollte einfach nicht richtig fließen.
Ich drückte nicht fest genug auf die Klinge.
Ich wollte zwar sterben, aber weh tun wollte ich mir nicht.
Langsam bekam ich Angst . Angst , es könnte mir auf einmal doch nicht gelingen.
Ich säbelte überall wo die Adern dick herraustraten, an den Händen, den Füßen,
Arme und Beine.
Es war umsonst. Das Blut wollte einfach nicht richtig fließen.
Mir wurde schlecht. Schlecht vor Angst. Ich mußte mich übergeben.
Jetzt konnte ich nicht mehr länger in dieser Badewanne bleiben. Es war ekelhaft, überall diese Kotze.
Ich mußte das Wasser ablaufen lassen und wieder von vorn beginnen.
Ich war so erschöpft, daß ich mich in ein Badetuch wickelte und mich aufs Bett legte. Alles drehte sich in meinem Kopf.
Panik, panische Angst ergriff mich. Was sollte ich nur machen?
Ich konnte doch jetzt nicht mehr zurück....
3.Kapitel
Februar 1992
Mein Stiefvater starb im März 1991. Meine Mutter im Dezember des gleichen Jahres.
Es war für mich selbstverständlich, daß mein geistig behinderter Bruder jetzt
in unserer Familie leben sollte.
Doch für mein Mann, meine Töchter, war er ein Eindringling. Er sprach nur
französisch und hatte große Mühe
sich in Deutschland zurechtzufinden.
In Montpellier mußte die Wohnung meiner Mutter aufgelöst werden.
Eine Woche hatten wir Zeit und es gab eine Menge zu tun.
Doch die viele Arbeit machte mir nichts aus. Es ging mir gut.
Ich erledigte alle Wege die in der kurzen Zeit zu bewältigen waren. Tagsüber
lief ich von einer Behörde zur anderen,
nachts räumte ich in der Wohnung meiner Mutter. Ich sah mir alte Fotos an,
Bilder aus der Kindheit.
Ich fand alte Briefe und schlich mit damit in das Leben meiner Mutter. Ich
wühlte in der Vergangenheit...
Ich brauchte auf einmal immer weniger Schlaf. Ich brauchte diese schlaflosen
Nächte, denn die Tage reichten nicht mehr aus.
Ich mußte jetzt auch Nachts arbeiten. Ich räumte, putzte, schrieb,
telephonierte stundenlang mit Freunden.
Wenn ich Nachts nicht schlafen konnte, schrieb ich. Das Schreiben war jetzt ein richtiger Zwang geworden.
Ich mußte alles aufschreiben, hatte Angst etwas zu vergessen.
Irgend jemand führte meine Hand wenn ich schrieb, die Gedanken kamen oft so schnell, so schnell konnte ich gar nicht schreiben.
...Irgend jemand führte meine Hand... Morgens wußte ich nicht mehr was ich in der Nacht geschrieben hatte.
Da war etwas Übernatürliches... Es diktierte mir dies oder jenes zu tun. Und zu schreiben., davon war ich überzeugt.
Ich hatte das Gefühl alles zu wissen, alles zu spüren. Ich konnte mir auch alles
erlauben, irgend etwas beschützte mich.
Es konnte mir nichts passieren.
Zurück in Deutschland, ging es mir immer noch prächtig.
Es ging mir sehr gut. Mein Psychiater würde heute sagen:" es geht ihnen ZU GUT"
Montag, 16. 02 1992
Ich kann nicht schlafen. Zu viele Gedanken gehen mir wieder durch den Kopf.
Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, muß ich schreiben. Ich schreibe, höre
Musik, bade .
Immerzu habe ich das Bedürfnis mich zu waschen, den Dreck von mir abzuschrubben.
In der Nacht zum Dienstag war der Zwang so stark, daß ich mich am liebsten in
der Badewanne aufgelöst hätte.
Dann ging alles ganz schnell. Ich muß laut geschrien haben. mein Mann stand im
Bad. ich weiß nicht mehr
was ich in dieser Nacht noch alles gemacht habe, es ist vielleicht auch besser,
daß ich einiges vergessen habe.
Der Hausarzt wurde gerufen. Ich bekam eine Spritze. Dann brachte man mich in die
geschlossene der Psychiatrie.
Ich schlug um mich und muß mich wohl wie eine Furie aufgeführt haben. Dann wurde
ich fixiert.
Zum Erstenmal wurde ich fixiert.
Drei Tage und drei Nächte bekam ich Infusionen. Dann hatte ich mich wieder beruhigt.
Haldol war das schlimmste Medikament. Es
verursachte mir Krämpfe, ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle.
Ich zitterte am ganzen Körper, konnte nicht mehr reden, was ich sagen wollte
wurde durch eine Lähmung im Hals blockiert.
Mein Hals war steif, ich konnte nicht mehr richtig gehen, meine ganzen
Bewegungen waren gestört.
Es muß ein schlimmer Anblick für meinen Mann gewesen sein, außer ihm wollte ich
niemanden sehen.
Keiner sollte mich so sehen.
Ich war so hilflos, so müde, so traurig.
Trotz starken Medikamente konnte ich Nachts nicht schlafen. Ich wollte schreiben.
Man hatte mir
alles weggenommen. Ich durfte nicht mehr schreiben, ich sollte schlafen. Doch ich konnte nicht schlafen.
Wenn ich in der Nacht wach wurde quälten mich meine Gedanken. Man hatte mir
nicht nur meine Schreibsachen
weggenommen, alle persönliche Sachen waren unter Verschluß. Ich besaß kein Geld
mehr, keinen Schmuck,
außer meinen Unterhosen schien mir nichts mehr zu gehören.
Um jedes Päckchen Zigaretten mußte ich betteln. Jeder auf dieser Station
bettelte unentwegt um Zigaretten.
Rauchen, das war das einzige was man hier durfte.
Mein Mann war nicht geizig, ich bekam jeden Tag meine Ration. Aber die reichte
nie, da waren zu viele Patienten,
die mich anbettelten und ich konnte so schlecht nein sagen. So kam es, daß auch
ich,
wenn meine Ration aufgebraucht war, betteln mußte.
Es war demütigend. Ich war ein Häufchen Elend, das von Früh bis Spät um irgend etwas bettelte.
Irgendwann erbettelte ich mir etwas zum Schreiben. Ich tauschte ein Paar Zigaretten gegen
Bleistift und Papier.
Ich konnte wieder schreiben... Jetzt ging es mir besser.