"drug holiday" - macht sowas überhaupt Sinn?

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    • "drug holiday" - macht sowas überhaupt Sinn?

      Die Tage habe ich mal wieder in unserem gepflegten Kreise der Irren über eines der problematischen Themen gesprochen.
      Es gibt ja anschienend Ärzte, die empfehlen ihrer Patienten "drug holidy" wegen ihrer sexuellen Nebenwirkungen.
      Nun, ich habe das nie ausprobiert, aber mich beschäftigtigen seither folgende Fragen:
      1. Macht es Sinn Medikemante kurzfristig wegzulassen? Bzw. kann man durch einmaliges Weglassen kurzfristig das Problem aus der Welt schaffen? Braucht es nicht länger, damit Erektionsstörungen/Anorgasmie wieder verschwinden??
      2. Ist das nicht riskant, wenn Patienten Medikemnte nehmen, die nicht retardiert sind bzw. kein "XR"? Hintergrund: Wenn ich z.B. das Lamotrigin vergesse, merke ich das schon nach Stunden und wenn ich es einen Tag ganz weglasse, dann geht's mir am Folgetag hundeelend...
      3. Ist das nicht schädlich bezüglich der - Achtung! Alle Empfindlichen wegschauen, jetzt kommt des Psychiaters Lieblingswort (*gggg*) -"COMPLIANCE" ?? Auf der einen Seite wird größten Wert darauf gelegt, dass die Patienten artig jeden Tag ihre Medis nehmen und dann wird man dazu angestiftet, das mal ab und zu sein zu lassen, damit man überhaupt noch gewillt ist das Zeugs zu nehmen? Verleitet das nicht zur unregelmäßigen Einnahme??
      LG, das Nüssli
      Was tun nach dem Absturz?
      Aufstehen. Krönchen richten. Würdevollen Schrittes weitergehen.
    • Den Begriff habe ich noch nie gehört. Erinnern kann ich mich aber noch, dass mein Vater - Internist - sich irgendwann einmal dazu entschlossen hatte, sämtliche Medikamente bei seiner damals steinalten Schwiegermutter wegzulassen, damit sie in Würde sterben könne. Der Effekt war aber verblüffend: Nicht nur, dass sich ihre vermeintliche Demenz in Luft aufgelöst hat, sie hat dann auch noch viele Jahre bei bester Gesundheit gelebt, Gedichtbände herausgebracht und zwei Bücher geschrieben.
    • wenn man Sex möchte und es mit der Droge gar nicht geht und man trotzdem Sex will, macht es offenbar Sinn die Droge wegzulassen,
      weil es die einzige Möglichkeit ist. Die Alternativ ist ein Leben ohne Körperliebe.

      Vielleicht reicht es ja schon aus den Sex auf die Zeit unmittelbar vor der Tagesdosis zu legen?

      Bei Cirpralex z.B würde ich da allerdings gar keine Hoffnungen verbreiten.
      Wer sich Abends mit Seroquäl wegschießt, wird sicherlich nach der Einnahme für seinen Sexpartner uninteressant,
      weil die meisten einen Sexparnter wollen, der bei Bewußtsein ist.

      Wenn ich lese was Du schreibst, geht finde ich die Frage dahin ob es denn dann überhaupt Sinn macht die Droge(n) zu nehmen,
      wie lange man sich "drug holiday" gönnt.

      Eine Zwischenlösung könnte sein, Mindeststabilität vorausgesetzt, auf Akutnotfallmedikation zu gehen.
      Zum Beispiel THC ^^ damit kann man übrigens auch hervorragend Liebe machen :jump:

      Post was edited 1 time, last by positives-denken ().

    • Ja sinnig ist es bestimmt, sie wegzulassen. Die Preisfrage ist ja, wie lange es braucht, bis "es" wieder geht und ob man in der Zwischenzeit nicht abstürzt.
      Bei Cipralex hatte es damals bei mir glaube ich auch etwa ne Woche gedauert, bis die Anorgasmie weg war.

      positives-denken wrote:

      Wer sich Abends mit Seroquäl wegschießt, wird sicherlich nach der Einnahme für seinen Sexpartner uninteressant,
      weil die meisten einen Sexparnter wollen, der bei Bewußtsein ist.

      Oh man Tobi, ich habe gelegen vor Lachen !!!!! :biggrin: Es war bestimmt in den 1. Stock zu hören und meine Mitbwohnerin muss gedacht haben, dass ich spontan ne Hypomanie bekomme oder aber ganz den Verstand verloren habe.
      Ja du bei Serquäl muss man gut Timen. Nach der Einnahme hastte ja nur noch so 15 Minuten bis die Lichter ausgehen und man wikrlich gar nicht mehr zuckt. Also am besten ne 3/4 Stunde vorher lieben, sonst wird das an DEM Abend nix mehr.

      Für die Leute, die Lamotrigin nehmen: Die Höhepunkte sind qualitativ besser und schneller zu erreichen, wenn etwas mehr als 24 Stunden zwichen den Einnahmen liegen. Da macht es also durchaus Sinn, dass man mal die Einnahme paar wenige Stündchen nach hinten schiebt, um mehr von der schönsten Nebensache der Welt zu haben. Bis heute war mir nicht mal so deutlich aufgefallen, dass es übrhaupt Einfluss darauf nimmt, aber wo ich es jetzt so ausprobiert habe, sprang es mir förmlich ins Auge.

      Grüße, Nüssli
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    • Sind die Folgen tatsächlich dermassen einschneidend? War mir gar nicht bewusst, aber ich nehme ja auch nix. Das wäre vielleicht in der Tat ein interessantes und zukuenftiges berufliches Forschungsgebiet für Dich, Nuessli! Vor sehr vielen Jahren hatte ich mich auch mal darauf eingelassen, all die Scheisse zu fressen, die meine Ärzte toll fanden, aber es war dann ja auch nicht deren Problem , auf Sex zu verzichten, aber es war dann sehr wohl mein Problem, als ich unter dem Eindruck dieser Drogen das an einer Ampel stehende Auto eines anderen Verkehrsteilnehmers rektal zerlegt hatte - beide Autos Totalschaden. Da mir nicht klar war, welchen benefit diese hirnzersetzenden Substanzen überhaupt bringen, habe ich sie ersatzlos weggelassen, das ist knapp 20 Jahre her. Seither interessiert mich weder der Standard innerhalb psychiatrischer Einrichtungen noch, was der freundliche Drogendealer hinterm Bahnhof anzubieten hat. Ob ich damals sexuell eingeschränkt war, erinnere ich nicht mehr, aber wahrscheinlich haette mich das ohnehin nicht interessiert, weil meine Lebensgeister medikamentös abgeschaltet waren. Rückblickend verstehe ich nicht, was man mit einer Therapie bezweckt, deren einziges Ergebnis darin besteht, das Restleben aus dem Patienten herauszuprügeln. Seither hat sich nach meiner Beobachtung auch nichts zum Besseren geaendert, es ist weder ein Konzept ersichtlich noch ein Erfolg, es geht um Ruhigstellung, es wird medikamentiert nicht therapiert.

      Post was edited 1 time, last by Jannis ().

    • es wird immer wieder die nächste Wunderpille angepriesen werden, die es aber nie geben wird, auch Ketamin ist es nicht.

      Woher kommen Deine Gefühle?
      Richtig, von Deinen Gedanken.

      Die Gedanken werden zu Überzeugungen und die Überzeugungen bestimmen Deine Erfahrung.
      Viele meinen aus der Erfahrung komme die Überzeugung aber es ist gerade anders herum.
      Unsere Überzeugung bestimmt die Erfahrung.

      Das ist ganz einfach und so wird es auch bleiben.
    • Dass sich mit Gedanken irgendetwas auf der emotionalen Ebene großartig beeinflussen lässt, habe ich auch lange geglaubt, bin davon aber schon lange weg. - Klar, man kann mit Hilfe der Autosuggestion etwas bessern, aber nichts heilen, wenn die Biochemie nicht funktioniert wie sei sollte. Auf Gomera habe ich diese Typen auf Selbstfindungstrip in ihren orangefarbenen Umhängen zu genüge kennen gelernt, einer unglücklicher als der andere. Mit einem dieser Mädels wollte ich in die Kiste hüpfen, um dort profane Dinge zu tun, die hat mich mit ihrem geballten Frust, den sie über mich ausgeschüttet hat, in die Flucht geschlagen - schrecklich. Die Kosten für zwei Wochen Meditation, Hocken in Bäumen (sah lustig aus) und freie Liebe in der Gruppe: alles völlig für die Katz! Und dann erzählt die einem auch noch, sie käme jedes Jahr, weil ihr das so gut täte - Nun, davon konnte ich nichts feststellen.

      Wenn man mal etwas bescheidener wird und sich vergegenwärtigt, dass wir alle Primaten sind, also Tiere (nee, unser Geist ist bei weitem nicht so toll wie wir denken, die meisten Vorgnänge im Hirn finden nunmal im Unbewussten statt) dann kommt man ziemlich schnell auf die Idee, dass es sich auch bei den Emotionen um biochemische Vorgänge handelt, die man eben auch auf dieser Ebene steuern kann (lies mal meinen Erfahrungsbericht zum Ketamin im Nachbarthread). Ketamin ist natürlich auch kein "Wundermittel" und es wird von den Pillenbuden auch nicht gerade angepriesen, eben weil sich damit nix mehr verdienen lässt, es scheint aber bei einer gewissen Gruppe mehr als überraschende Effekte zu erzielen.

      Leider hat man sich in der Fachwelt auf ein paar wenige Wirkstoffe eingeschossen, die den Erfolg nur versprechen, ihn aber nicht bringen. - Moritz bedauert das im übrigen auch, dass buchstäblich nichts Neues in der Pipeline nachkommt, man stellt sogar - ketzerisch - die Frage, ob SSRi überhaupt wirksam sind - Warum gibt man sie dann?

      Ich hatte mich neulich mit einer befreundeten Psychotherapeutin darüber unterhalten mit mehr als 20 jähriger Berufserfahrung und die bestätigte mir, dass kein einziger ihrer Patienten jemals medikamentös durch Pillen von dessen Depression geheilt worden ist, das ist bitter für die Betroffenen und klasse für die Smarties-Dealer, die sich den eigenen Markt zerschießen würden, wenn sie mal irgendetwas Kuratives in Verkehr setzen würden. - Dazu wird es bei der kommoden Ausgangslage (viel Geld gegen wenig Leistung) daher auch nie kommen. Mit etwas Marketing-Brimborium könnte man auch Ostsee-Luft in Flaschen füllen und teuer verkaufen, über die Indikation kann man sich dann später immer noch Gedanken machen, vielleicht die "Baltic-Diät", die gleichzeitig haarwuchsfördernd und potenzsteigernd wirkt?
    • Jannis wrote:

      dass kein einziger ihrer Patienten jemals medikamentös durch Pillen von dessen Depression geheilt worden ist, das ist bitter für die Betroffenen und klasse für die Smarties-Dealer
      Langfristig gesehen kenne ich auch niemanden. Meine Mutter (heute ! 83)
      verträgt überhaupt keine Pillen mehr und bleibt depri, 2 ihrer Schwestern
      haben sich trotz Pillen suizidiert. In meiner Jugend standen alle 7 Ge-
      schwister (incl. Mutter) dauernd unter Stoff, das war auch bevorzugtes
      "Geburtstagstreffengespräch" (hast Du Valium, Lexotanil, Aponal usw.
      schon getestet ?) Langfristig geholfen hat es keinem !
      Etwas spöttisch haben Bruderherz und ich gern Frank Zappas "Mothers
      Happy Pills" angespielt und dazu ne Tüte angeboten :) Natürlich waren
      wir dann das "kranke Freakpack" :) für die wohlsituierten Tanten.

      Persönlich glaube ich, daß Psychopharmaka vorübergehend Linderung
      (für eine Therapie)verschaffen können, eine annähernde Heilung sollte
      aber eher therapeutisch erfolgen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

      LG
    • Als ich noch in Berlin studiert habe, gehörte ich dort zu einer Selbsthilfegruppe, die sich ab und zu in einem schicken Restaurant in Mitte getroffen hat. Dabei war damals auch eine junge Frau Mitte 30, die tatsächlich eine Weile ein Antidepressivum genommen hat und dann noch ein halbes Jahr als Rezidivprophylaxe und war dann offiziell "geheilt". Sie hat dann ohne Medikamente gelebt. Sie war allerdings auch nicht bipolar.

      Ein Problem ist auch, dass der Begriff "Heilung" unterschiedlich verwendet wird. Die einen meinen damit ein "restitutio ad integrum"- die Wiederherstellung des Ausgangszustandes. Das hieße quasi ein absolutes Ausheilen und das dann eine medikamentöse Weiterbehandlung nicht mehr nötig ist.
      Manchmal ist mit Heilung auch gemeint, dass der Betroffene zwar weiter Medikamente oder Psychotherapie braucht, aber wieder zu seiner Alltagsfunktionalität zurückgefunden hat.
      Ich habe z.B. eine Arbeitskollegin, die ein AD nimmt, aber keine Restsymptomatik hat. Das heißt sie ist jetzt mit Medikamenten so, wie sie vor dem Beginn der Depressionen in etwa war, nimmt sie aber weiter, um diesen Zustand aufrecht erhalten zu können. Manche betrachten auch das als Heilung.

      LG, das Nüssli
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    • Zaubernuss wrote:

      Ein Problem ist auch, dass der Begriff "Heilung" unterschiedlich verwendet wird. Die einen meinen damit ein "restitutio ad integrum"- die Wiederherstellung des Ausgangszustandes.
      Das wäre für mich Illusion, der (welcher eigentlich ? ) Ausgangszustand ist für mich
      weder mit, noch ohne Pillen erreichbar, das wäre ja sonst eine "Reset-Pille" :) Ich
      finde das auch nicht erstrebenswert, denn permanente Veränderung ist die einzige
      Konstante. Ein paar Monate habe ich mal unter Saroten Retard gearbeitet, weil ich
      sonst dem Chef und seinem Mobber-Kumpel an den Hals gegangen wäre (was nach
      späteren Aussagen auch provoziert werden sollte). Was hat es gebracht ? Das Unglück
      wurde unter 'meinen Teppich' gekehrt, war damit aber trotzdem weiterhin existent.
      Dafür lief ich monatelang in Watte gepackt herum, wurde gleichgültiger, hatte körper-
      liche Probleme und wurde als ehemaliger Spargeltarzan sehr schnell fett :( . Damals
      hatte ich mit Pillen mehr Suizidgedanken als ohne, denn so wollte ich nicht existieren.

      Das Problem war damit nicht gelöst, nur die Symptome unterdrückt. Erst die Kündigung
      brachte echte Erleichterung, obwohl sich dieser Prozess und die folgende Verarbeitung
      über 2,5 Jahrzehnte (!) hinzog. Heute spielt das kaum noch eine Rolle, es ist in der ab-
      geschlossenen Vergangenheit angekommen, vorher tauchte das immer in meinen Träumen
      auf, Bitterkeit gehörte auch dazu.

      Es ist keine Schande, vermeidbaren Problemen / Kämpfen auszuweichen. Jeder nicht statt-
      gefundene "Krieg" ist eigentlich ein Sieg, frei nach Sun Tsu.
      Und manche Ziele sind einfach zu hoch gesteckt, da sollte man sich ehrlich hinterfragen.

      Natürlich kann eine absehbare Medikamentierung die Vorraussetzung schaffen, um mit einer
      (Langzeit) Therapie zu beginnen. Und sicherlich gibt es etliche Betroffene, die dringend auf
      eine Phasenprophylaxe angewiesen sind, nur generalisieren sollte man das nicht. Viele sind
      halt einfach zu 'bequem', sich der Wirklichkeit, den eigenen Unzulänglichkeiten, den eigenen
      Problemen zu stellen, da nimmt man halt "Stoff", etwas boshaft gesagt :) .

      Schönen Tag Euch,
      LGW
    • @ Wendelin

      Tatsächlich ist damit ein Zusand gemeint, der vorherrschte, ehe du an der Bipolaren Störung erkrankt bist. Bei mir wäre das irgendwann vor dem 14. Lebensjahr. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, wie das gewesen sein soll. So, wie es jetzt ist, jedenfalls nicht (das zumindest weis ich).
      Möglich das nachzuvollziehen wäre vielleicht noch, indem ich mich an die Zeit innerhalb des Prodromalstadiums erinnern könnte, wo ich keine Symptome hatte. Aber da siehts auch irgendwie schlecht aus. Die Erinnerung daran ist nur noch vage.

      Manchmal -ziemlich selten- wenn ich mal stundenweise nichts davon merke und ich sagen kann "ach mir gehts heute wirklich gut", dann erreiche ich diesen Zustand womöglich, aber ich selbst kann mir nie sicher sein, ob ein anderer nicht meinen würde, dass wäre schon leicht hypomanisch, wenn ich ihn nicht explizit danach frage. Ich selbst kann nicht beurteilen, wie mich andere empfinden und was sie schon als "zu viel" registrieren, wobei man fairerweise sagen muss, dass unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Temperamente haben (das zumindest sagt unser Prof für Entwicklungspsychologie) und da ist es auch erlaubt, dass jemand stärkere Affekte hat und auch mal quirliger ist und eine andere Art von Lebendigkeit versprüht, ohne das das gleich von anderen als pathologisch gewertet werden muss. Der eine lacht eben mal gerne laut und von Herzen und der nächste wiederum ist dafür zu schüchtern usw

      Ich hatte z.B. vor der Erkrankung als Kind schon sehr viel Temperament und war teilweise schwer zu bändigen (aber nicht hyperaktiv). Mit Beginn der Erkrankung habe ich teilweise aber auch ganz andere Charakterzüge plötzlich gezeigt. Heute kann ich teilweise schüchtern sein beim "Erstkontakt"- nicht immer, es hängt vom Gegenüber ab. Das liegt daran, dass bestimmte soziale Situationen mich enorm stressen können und dann bin ich eher auf Rückzug. Auch habe ich längst nicht mehr diese andauernde Lebendigkeit. Aber wem erzähl ich das, jeder Bipolare vermisst das außerhalb der Hypomanie /Manie.

      LG, Nüssli
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    • "... dass unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Temperamente haben (das zumindest sagt unser Prof für Entwicklungspsychologie) und da ist es auch erlaubt, dass jemand stärkere Affekte hat und auch mal quirliger ist und eine andere Art von Lebendigkeit versprüht ..."

      Da hat Dein Prof. verdammt Recht, auch wenn man dafür sicher keine Habil abgegeben haben muss. Deshalb beobachte ich auch mit Schrecken, wie den temperamtentvollen Kindern heutzutage Ritalin reingepfeffert werden muss, als sei jeder ein pathologischer Fall, der sich auch nur um einen Millimeter vom gewünschten mainstream entfernt. Die Industrie hat dieses monströse Medikament erschaffen, gleichzeitig eine passende Erkrankung dazu erfunden und die ärztlichen Verschreibungsautomaten folgen dem Ruf wie geistesgestörte Lemminge, obwohl etwaige Langzeitschäden nicht mal prognostizierbar sind. Wenn sich da mal kein weiteres "Contergan" auftut, das in meinen Geburtenjahrgängen hip war. Der Schlaf der Mütter war damit zwar länger, die Arme der Kinder aber umso kürzer. Wer weiß, vielleicht zappeln die Kinder dann weniger auf den Stühlen, sind im Gegenzug aber lebenslang intelligenzgemindert, nur mal eine mögliche Idee. - Pharmaterrorismus
    • Wenn man die Erkrankung nicht hat, dann profitiert man auch nicht von dem Medikament. Das ist glaube ich auch die einzige Möglichkeit irgendwie unterscheiden zu können, ob jemand bipolar ist oder AD(H)S hat.
      Die Kiddis die richtig ADHS haben sind nicht zwangsläufig weniger intelligent, aber sie können es häufig nicht so weit im Leben bringen, allein schon krankheitsbedingt. Und die ADHS-Kids, die Ritalin nehmen entwickeln sich schlechter. Vor allem sind sie sehr zierlich, weil sie wegen des Ritalins häufig schlecht essen können (das Zeugs ist appetithemmend). Beide Kinder meiner Patientin haben ADHS (wobei der ältere schon über 30 ist). Der "Kleine" ist jetzt 15 und hat vor paar Jahren das Ritalin absetzen wollen, weil er meinte, er sei mit dem Zeugs nicht er selbst. Daraufhin hat er aber extrem zugenommen und wiegt nunmehr fast 100 Kilo und das mit nur knapp 16 Jahren und er ist auch nicht wirklich größer als ich (vielleicht so 1,73m). Aufgrund der Unfähigkeit sich richtig konzentrieren zu könnnen und auch wegen Faulheit/das "kristische Alter" ist er nun das 2. mal sitzengeblieben und musste das Gymnasium verlassen, obwohl der Junge durchaus intelligent ist (Mama Nuklearmedizinierin gewesen, Papa Maschinenbauingeneur) und z.B. fließend englisch spricht.
      Das mit dem Ritalin war glaub ich auch ne Zufallsentdeckung und wurde vom Erfinder erst bemerkt, weil seine Frau ("Rita" gerufen) mit dem Zeugs besser Tennis spielen konnte. Na ja die heute genutzte Wirkung von Viagra (Sildenafil) ist ja auch erst herausgekommen, als man feststellte, dass Patienten anfingen innerhalb der Studie Pillen zu klauen. Das war vorher noch nie in einer Pharmastudie vorgekommen (das zumindest hat uns letztens augenzwinkernd der Hirschhausen erzählt).

      LG, Nüssli
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    • "Na ja die heute genutzte Wirkung von Viagra (Sildenafil) ist ja auch erst herausgekommen, als man feststellte, dass Patienten anfingen innerhalb der Studie Pillen zu klauen."

      Echt jetzt? Ich lach´mich schlapp.

      Wir hatten am Wochenende Freunde mit ihrem 9-jährigen Bub da, sein Vater ist niedergelassener Arzt. Der Kleine ist dermaßen aufgeweckt, mischt allerdings auch alles ganz schön auf und will über alles genauestens Bescheid wissen. Nachdem, was mir sein Vater erzählte, kann der sich sogar ganz hervorragend konzentrieren, wenn ihn irgendwas interessiert, Schule fällt bei ihm eher in die Kategorie "langweilig", so habe ich das allerdings damals auch empfunden (wie gut, dass ADHS damals noch nicht erfunden war). Daher stopft man ihn jetzt mit Ritalin bis zur Halskrause voll. Ob das der richtige Weg ist???????
    • Jannis wrote:

      Deshalb beobachte ich auch mit Schrecken, wie den temperamtentvollen Kindern heutzutage Ritalin reingepfeffert werden muss, als sei jeder ein pathologischer Fall, der sich auch nur um einen Millimeter vom gewünschten mainstream entfernt. Die Industrie hat dieses monströse Medikament erschaffen, gleichzeitig eine passende Erkrankung dazu erfunden und die ärztlichen Verschreibungsautomaten folgen dem Ruf wie geistesgestörte Lemminge, obwohl etwaige Langzeitschäden nicht mal prognostizierbar sind.
      WORD, pathologisierte westliche Gesellschaft !
      Und dann wundern wir uns über eine kampfbereite,
      völlig andere, in den Extremen "perverse Glaubens-
      kultur" ? (Trifft NICHT auf Otto-Normal-Muslims zu)
      Ende der 80ziger habe ich mit einem in England er-
      zogenem Sufi (Oxford-Türke :) ) darüber diskutiert,
      die Entwickelung war vorhersehbar. Jetzt haben wir
      den Salat .. :(

      LG
    • Zaubernuss wrote:

      Ich selbst kann nicht beurteilen, wie mich andere empfinden und was sie schon als "zu viel" registrieren, wobei man fairerweise sagen muss, dass unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Temperamente haben (das zumindest sagt unser Prof für Entwicklungspsychologie) und da ist es auch erlaubt, dass jemand stärkere Affekte hat und auch mal quirliger ist und eine andere Art von Lebendigkeit versprüht, ohne das das gleich von anderen als pathologisch gewertet werden muss. Der eine lacht eben mal gerne laut und von Herzen und der nächste wiederum ist dafür zu schüchtern usw
      Hallo Nüssli,

      bist Du auch so ein Quirl, wie ich schon immer war, immer wieder
      sein werde ? :) :) Ich sehe keinen Grund, das einer Anpassung zu
      opfern !

      Zaubernuss wrote:

      Ich hatte z.B. vor der Erkrankung als Kind schon sehr viel Temperament und war teilweise schwer zu bändigen


      Frag mal meine immer schon depri Mutter, mit der wir gestern ihren 83.sten beim
      Mongolen gefeiert haben, 3 Bipos am Tisch (Vater und die 2 Söhne). Das Restaurant
      war gut unterhalten :) , wir sind ja auch alle "Bühnentiere". :) Und es hat Spaß ge-
      macht, es war ein toller (sehr seltener) Abend !

      Sollte ich Medikamente einnehmen, um "normaler" zu werden ? Was ist "normal" ?

      Ich erinnere mich an ca. 10 Tage vor über 5 Jahren, die ich mit einer bipolaren Frau
      als "Zug durch die Gemeinde", Musikladen, Kneipe etc. verbracht habe. Wir hatten
      einen Heidenspaß, beim Italiener kam das auch gut an, bei Freunden auch. Und es
      war alles platonisch, es gab keine Dramen der jeweiligen Partner.
      Warum darf man nicht soviel Spaß und Freude haben, weil andere es nicht können ?
      Was ist krank, was ist normal ?

      Zaubernuss wrote:

      Tatsächlich ist damit ein Zusand gemeint, der vorherrschte, ehe du an der Bipolaren Störung erkrankt bist.
      Wann sollte das gewesen sein ? Ich war noch nie anders, deshalb leide
      ich auch nicht so sehr unter der BS :) . Richtige Manien bekam ich erst
      unter Druck und Gewalt, ich habe mich (immer) gewehrt und auch un-
      konventionelle Wege gesucht (und gefunden).

      Zaubernuss wrote:

      Heute kann ich teilweise schüchtern sein beim "Erstkontakt"- nicht immer, es hängt vom Gegenüber ab. Das liegt daran, dass bestimmte soziale Situationen mich enorm stressen können und dann bin ich eher auf Rückzug. Auch habe ich längst nicht mehr diese andauernde Lebendigkeit. Aber wem erzähl ich das, jeder Bipolare vermisst das außerhalb der Hypomanie /Manie.
      Schüchtern werde ich erst in der Depression / Mischzustand und dann
      isoliere ich mich heutzutage. Ansonsten habe ich mir viel meiner Lebens-
      freude zurück geholt, manches war nur verschüttet. Eine Manie vermisse
      ich nie, denn dann bin ich getrieben und verliere die Entscheidungsmög-
      lichkeit, den Verstand. "Oh babe, I'm loosing my mind" :)

      Aktuell laufe ich hochtourig, ärgere mich über die Kaltschnäutzigkeit der
      Sozialträger und ihrer Juristerei. :( Aber mein "Netzwerk", u.a. meine
      Psychiaterin reagierte sofort per Mail, "ruhig bleiben, wird schon" ...

      Das war früher anders, ich stand fast allein, mußte mich auf "Gutachter
      und Fachleute" verlassen, menno, hab ich mich oft einsam gefühlt. :(

      Heutzutage bin ich Fachmann in eigener Sache, keiner macht mir mehr
      ein X für ein U, ich habe auch jede Menge Respekt verloren, Jannis be-
      schreibt das ähnlich. :) Allerdings kenne ich auch sehr, sehr gute Ärzt/
      Innen, das nimmt viel Druck raus, ich kann mich bei Bedarf zurück lehnen ..

      CU,
      LGW
    • Jannis wrote:

      Wäre doch ne prima Idee für Pharmabuden: "Antisalafistin" - Passende Wirkstoffe gibt es bestimmt schon bei einschlägigen Ko-Tropfen-Produzenten in Bahnhofnähe, man müsste nur die Umverpackung professionalisien.
      Könnte man das nicht als Aerosol über die Versammlungen versprühen ?
      Wir haben als spinnende Twens immer davon geträumt, 1kg LSD in die
      Lüftung des Bundestages samt Lobby einzubringen. Das hätte sicher-
      lich andere Wirkungen gezeigt, als immer nur Alk, Medis, Koks und Meth,
      da muß man ja komische Dinge tuen. Lästermodus aus .. :)
    • "drug holiday" - macht sowas überhaupt Sinn?


      Hi Nüssli,

      wir kennen uns kaum, ich kann Dich auch nicht richtig
      einschätzen, deshalb erlaube mir ein paar vielleicht
      freche (?) Fragen:

      Hast Du Dein Leben bereits auf eine lebenslange Medi-
      kamenteneinnahme eingestellt, Dich damit abgefunden ?
      (die Notwendigkeit kann ich überhaupt nicht einschätzen)

      Als junge Frau, zudem an sexuellen Themen interessiert,
      kann ich zB. Anorgasmie durch Medis nicht verstehen, mir
      wäre (vor knapp 30 Jahren) der Preis zu hoch gewesen.
      Mittlerweile (wir haben beide körp. Gebrechen) ist Sex
      eher Nebensache geworden, ganz verzichten werde ich
      aber nicht !

      Psych-Medikamente sind für mich (!) "Krücken", die not-
      wendig werden können, als Dauermedikation nur im Ex-
      tremfall, das gibt es natürlich auch.
      Der langjährige therapeutische Weg ist der Schwierige,
      aber er kann auch viel empfundenes Leid vergessen und
      verarbeitet machen.
      Als quirliger und ehemals sehr reiselustiger Mensch, zudem
      auch unter Freaks & Dropouts, habe ich etliche kleine oder
      grössere Traumatas erlebt, das wurde mir erst in den Thera-
      pien bewusst. Wer viel macht, 'hypomanisch' unterwegs ist,
      erlebt auch viel, nicht immer schön. Tauschen möchte ich
      trotzdem nicht, ich bin stolz auf mein erkämpftes Leben :) .
      Die familiären Geschichten möchte ich gar nicht betonen,
      manche Wunden vernarben nie richtig.

      Ich frage mich, ob Du Dich nicht ständig selbst überlastest ?
      Mich würde es schnell überforden, auch vor 25 Jahren. Erst
      konsequenter Abstand zur Primärfamilie (Jahre) führte mich
      zurück zu mir, incl. Wiederannäherung waren das wieder Jahre.

      In meiner letzten stationären Therapie ( 2008 )bekam ich eine Frau,
      die auch die Thera meines Vaters für Jahre war, sie kamen gut klar.
      Meine Mutter hatte sie danach (alles selbige Klinik) und hat sie ent-
      setzt nach ein paar Stunden 'abgewählt'.
      Eine sehr klare und harte Frau, mir hat das wirklich geholfen :)
      Sinngemäße Abschiedsworte der Thera an mich:

      "Ihr Familienleiden zieht sich über Generationen, wie eine Mafia
      funken sich die Mitglieder gegenseitig in ihre Leben".

      Gestern auf Mutters Geburtstag war das zwischenzeitlich sehr gut
      zu beobachten, völlig grausig.

      Aber nicht mein Ding, ich will dort weder Täter noch Opfer sein !
      Abgrenzung ist mein Zauberwort, was mir nicht gut tut, soll weg
      bleiben.


      Wünsch Dir was,
      LGW