Kunst und Leben mit bipolarer Störung

    • Kunst und Leben mit bipolarer Störung

      Hi,
      am Freitag, den 4. Dezember sendete der Deutschlandfunk (DLF) in seinem Abendprogramm ein Feature, das insbesondere die Künstler/innen unter uns interessieren dürfte, denn das Thema war bzw. ist: Wahnsinn! Kunst und Leben mit bipolarer Störung.
      Die Redaktion kündigte die Sendung mit folgendem Text an:

      Redaktion DLF-Feature schrieb:

      Das Feature
      Wahnsinn!
      Kunst und Leben mit bipolarer Störung
      Von Sascha Verlan und Almut Schnerring
      Produktion: DLF 2015
      Kaum feierte er seine ersten Erfolge, war der Rapper Flowin Immo aus der Szene schon wieder verschwunden. - Psychische Probleme. Wenngleich er mit 27 Jahren als Shootingstar der deutschen Theaterszene galt, musste Sebastian Schlösser auf seinen attraktiven Posten als Regisseur am Hamburger Schauspielhaus verzichten. - Seine Nerven. Obwohl Naema Gabriel gerne Künstlerin geworden wäre, hielt sie das schlechte Vorbild ihrer Mutter davon ab, diesen Lebensweg einzuschlagen. Zu groß die Angst, wie sie an einer bipolaren Störung zu erkranken. Und die bildende Künstlerin Gertrude ist zwar bereit, über ihre 'bipolare Begabung' zu sprechen, da ihr aber schon zu viele Künstler mit ihrer psychiatrischen Diagnose Werbung machen, möchte sie in dieser Sendung anonym bleiben. Tatsächlich: Weit verbreitet ist der Eindruck, ein bisschen Wahnsinn fördere die Kreativität; sei vielleicht gar die Voraussetzung für ein künstlerisches Leben. Doch die Biografien derjenigen, die hier aus ihrem Leben erzählen, unterscheiden sich. So beschließt Schlösser, sich von der Kunst abzuwenden, weil ihm der Preis für das Leben am Theater am Ende doch zu hoch erscheint. Heute nimmt er Medikamente und führt ein bürgerliches Leben als Jurist. Flowin Immo hingegen lebt alle Phasen seiner Krankheit in vollen Zügen aus und ist dadurch als Rapper nur umso produktiver.
      Kunst und Leben mit bipolarer Störung
      Als audio on demand ist das Feature bis 11. Juni 2016 - 21:10 Uhr verfügbar, und zwar hier:

      Wahnsinn! Kunst und Leben mit bipolarer Störung

      Im DGBS-Forum haben neben dem DGBS Betroffenenvertreter Martin Kolbe zwei weitere Nutzerinnen die Sendung ohne jede Begründung äußerst positiv beurteilt [DGBS-Forum über DLF-Feature 'Kunst und Bipolarität']. Ich bin anderer Meinung, und zwar aus (wenigstens) drei Gründen:

      Erstens und vor allem finde ich das Format 'Feature' dem Thema nicht angemessen. Schlagwortartig: statt Aufklärung wird Infotainment geliefert.

      Zweitens werden 'die' Depressionen und ihre destruktiven Konsequenzen für jede schöpferische Tätigkeit kaum auch nur in Betracht gezogen. Ausnahme: die unter dem Pseudonym 'Gertrude' zu Wort kommende Bildende Künstlerin. Sie skizziert eine - wie ich finde - hochinteressante, starke These, derzufolge 'die' Manie als Quelle schöpferischer Arbeit zu adeln blanke Ideologie sei (sinngemäß: "Das geht mir tierisch auf den Geist."), im depressiven Zustand hingegen un- und/oder vorbewusst Kreatives angebahnt werde, was freilich nur durch einen Formwillen, Talent, vor allem jedoch vorausgegangen Jahre harter Arbeit zur Aneignung und Ausbildung künstlerischer Fähigkeiten, ohne die selbst brilliante Ideen nicht zur ästhetischen Realisierung kommen. Das leuchtet mir wenigstens vollkommen ein.

      Drittens: Die beiden bipolaren Männer (Journalist/Schriftsteller der eine, Musiker der andere) hinterlassen aus meiner Sicht mal wieder den Eindruck, dass ihre Einstellung zu Manie und Depression durch und durch narzisstisch grundiert ist. Wenn jemand sich nicht anders mit 'unserer Krankheit' arrangieren kann als eben dadurch, die Selbstliebe zum Zentrum des Universums zu machen-, wer bin ich, darüber den Stab brechen zu wollen.

      Das führt auf die unter den vier Protagonisten unterschiedlich aufgenommene Frage, ob und inwieweit die bipolaren Störung(en) im strikten Sinne als seelische Krankheit oder eher als ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale zu verstehen sind. Diese Kontroversen wurde bzw. wird ja auch in diesem Form immer wieder durchdekliniert. Da in meinem Falle die genetischen Prädispositionen sowohl in der mütterlichen als auch in der väterlichen Familienlinie über Generationen hinweg nachzuweisen sind, bin ich geneigt, die manisch-depressiven Symptomatiken psychopathologisch zu begreifen. Der Gegenzug liegt freilich auf der Hand: Was als "Vererbung mieser Gene"* begriffen wird, könnte ja in Wahrheit eine stetige Wiederholung ungesunder Erziehungspraktiken, schlechter Ernährung et patati et patata sein, womit wir dann glorreich bei der Frage landen, ob der Henne oder dem Ei der Vorrang gebührt. Was hängt eigentlich lebenspraktisch von dieser Alternative ab? Bewältige ich mein Leben relevant anders, je nachdem ob ich der einen oder anderen Auffassung zuneige? Vorderhand vermag ich diese Differenz nicht zu erkennen.

      Trotz meiner Einwände empfehle ich nachdrücklich, das Feature anzuhören und euch ein eigenes Urteil zu bilden. Es würde mich sehr, sehr interessieren, wie ihr darüber denkt.

      Gruß
      Laci
      "Tief im Herzen haß ich den Troß der Despoten und Pfaffen, Aber noch mehr das Genie, macht es gemein sich damit." (Hölderlin)

      "Nun müssen diejenigen, welche ihre Gedanken untereinander austauschen wollen, etwas voneinander verstehen; denn wie könnte denn, wenn dies nicht stattfindet, ein gegenseitiger Gedankenaustausch möglich sein?" (Aristoteles)

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    • Das Kreativität und Manie ausschließlich korrelieren halte ich für Blödsinn bzw. Idealisierung der Manie. In depressiven Phasen, wo der Antrieb nicht zu brutal gelähmt ist, kann ich auch kreativ sein. Allerdings anders. Aber so manche Werke bipolarer Künstler, die z.B. die Depression darstellen, haben die sicherlich nicht in der Manie gemalt. Ich habe in mansischen Zuständen noch nie an einem negativen Thema arbeiten wollen, also das kreativ umsetzen. Es wäre nicht synthym zur Stimmung. Wenn man so gut drauf ist, macht man sich über die Schwärze der Depression keine Gedanken. Ich kann es dann nicht mal ansatzweise nachfühlen und was ich mir nicht vorstellen kann, kann ich auch nicht kreativ ausdrücken. So einfach ist das (bei mir). Keine Ahnung, wie es den anderen geht. Das könnte ich höchstens im Mischzustand, aber der ist wirklich ekelig, äußerst instabil. Ich fühle mich dann schier unwohl. Der Zustand vereint zu gegesätzliche Dinge, dass ich glaube, ich müsste bald platzen oder so. Es ist einfach quälend, man hält es kaum mit sich selbst aus. Ich hätte während der Hypomanie auch große Angst, dass die Auseinandersetzung mit hochnegativen Emotionen die Hypomanie abbricht. Das ist mir schon mehrfach passiert und jemand Hypomanischen liegt nun mal nichts daran dieses unglaubliche Gefühl der inneren Lebendigkeit für einen switch nach ganz unten zu riskiern (vermutlich nicht mal in den Normalbereich).

      Was für eine Verschwendung sein kreatives Talent aus Angst ganz aufzugeben und ausgerechnet als Jurist zu arbeiten. Wenn der gut therapeutisch begleitet werden würde, dann wäre da vielleicht wirklich Potential. Wer sgt überhaupt entweder kreative Schaffenskraft oder Medikamente. Ich kann auch mit MEdikamenten sehr kreativ arbeiten. Zu bestimmten Zeitpunkten sogar besser, weil ich dann nicht so zerstreut bin und im geistig geordneteren Zustand kommt man wenigstens voran. Was ist das auch für ein komisches Argument? Ich mein, es gibt doch viel mehr nicht-bipolare Künstler, als bipolare. Die haben auch keinen Kreativitäts-Hype und können trotzdem Großes schaffen.
      Was tun nach dem Absturz?
      Aufstehen. Krönchen richten. Würdevollen Schrittes weitergehen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Zaubernuss ()

    • Hallo,

      ich habe mir das Feature nun angehört. Dabei fand ich die Vielfältige Wahrnehmung, bzw. das Spektrum interessant. Außer bei dem Rapper haben die anderen aber gerade auch die Problematik der Manie dargestellt und durchaus auch "Manie und Kreativität" in Frage gestellt. Für mich, die selbst keine Manie erlebt hat, wurde deutlich, dass eben der Output in den Manien doch meistens nicht so groß ist, wie vielleicht in der manischen Phase selbst angenommen. Viel zu Kräftezerrend, viel "Mist" auch dabei und viel zu überzogen.

      Außerdem meinte ich wahrgenommen zu haben, dass die "künstlerische Freiheit" eher ein Katalisator für eine Manie darstellen kann, man sich also in der "Kreativität" verliert. Schlösser meinte zu Anfang diesbezüglich, dass die Bühne, bzw. das Schauspiel an sich ja schon durch "Überzeichnung", "Darstellung" und "sein Innenleben nach außen kehren", gekennzeichnet ist und deshalb, zumindest für ihn, die idealen Bedingungen schuf, um in die Manie abzudriften. Aber nicht unbedingt umgekehrt, dass die Manie erst die Bedingungen schafft.

      Bezüglich Kreativität in der Depression hat tatsächlich wohl eher nur die Gertrude etwas dazu geschildert. Meine eigene Erfahrung damit ist durchaus so, dass ich in leichten melancholischen Phasen durchaus kreativ werden kann und ein Ausdrucksmittel für Gefühle und Nichtgefühle schafft.

      Ich kenne aber auch Zustände, die man vielleicht eher als Mischzustand beschreiben würde, eine melancholische Grundstimmung, aber viele Ideen im Innern, die ich für Stunden auch als "Selbstverliebt in diese Gedankenwelt" wahrnehmen kann. Aber in dieser Phase schaffe ich es oft nicht, meine Gedankenwelt mitzuteilen oder auf Papier zu bringen, ich kann sie dann evtl. nur eher später Nachkonstruieren.

      Viele Grüße Heike

      "Wenn unser Leben die Summe unserer Entscheidungen ist, dann können wir nicht ändern wer wir jetzt sind, ABER mit jeder Entscheidung die wir JETZT treffen, können wir bestimmen wer wir sein WERDEN." (Verfasser unbekannt)

      systemdenker.mainchat.net/
    • Hallo allerseits!

      Ich habe mir das zwar nicht angehört, möchte aber trotzdem gerne zu meinem Eindruckzu dem Verhältnis BS und Kreativität etwas beitragen.

      Ich bin selber Künstlerin, habe Kunst (Bildhauerei und Malerei) studiert und hatte vorher schon eine Grafik-Design-Ausbildung.
      Meine beste Schaffenszeit war in einer hypomanischen Phase, die ca. 2,5 Jahre andauerte (obwohl ich währenddessen zeitweise recht tief unten war).
      Ich habe dabei sehrwohl auch das depressive Thema bearbeitet (davor hatte ich ca. ein halbes Jahr lang eine Major Depression), aber ich habe auch das Glück, die Hypomanie kanalisieren zu können und konzentriert in das künstlerische Schaffen einfliessen lassen zu können.
      Ausserdem habe ich einen ungeschönten, ernsthaften, manchmal brutalen Blick, mit dem ich an so etwas herangehe.
      Das tut meiner Hypomanie allerdings keinen Abbruch.
      Für mich fühlt sich das Arbeiten dann wie ein Rausch an, ich bin mit mir und der Welt rundum glücklich und zufrieden, während ich male. Ich bin aber auch abgeschottet, und nehme nichts anderes mehr wahr.
      Aber ich sehe auch noch wenn ich Mist baue und kann das korrigieren.
      Ich bin “rauschig“ konzentriert und total in meiner Arbeit versunken.
      Solche Malaktionen haben oft bis zu 12 Stunden am Stück gedauert.
      Zum Teil 7 Tage die Woche.
      Wochenlang.
      Ich vermisse das gerade sehr.
      Bin ich also das wandelnde Klischee??
      Ich kann in der Depression gar nichts malen.
      Da habe ich kaum die Kraft und Lust, um auch nur einfache, unaufwendige Ideen umzusetzen.
      Und in der Manie hab ichs noch nicht probiert, aber ich kanns mir nicht vorstellen.
      Ohne harte und konsequente Arbeit würde es aber auch bei mir in den hypomanischen Zuständen nicht funktionieren. Ich greife ja auf mein “können“ zurück. Und auf mein Körpergedächtnis.
      Talent allein genügt halt nicht.
      In meiner stabilen Phase, die ich mal über ein paar Jahre hatte, war ich zwar kreativ, und schaffte einiges, aber der Perfektionismus, das Durchhaltevermögen, der unbedingte Ehrgeiz fehlte, und das Reinsteigern, der Enthusiasmus sind in den hypomanischen Phasen um ein Vielfaches gesteigert.
      Y

      Soweit meine Erfahrungen mit der Kunst und der BS.
      Gute Nacht allerseits!
      Müsli

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