Text von

Meta Merz
(Salzburger Schrifstellerin),
der nach einer Begegnung mit Werner Ludvig Buchmayer
nach seinem ersten Selbstmordversuch entstanden ist,
und ihn porträtiert.

 

Aus: Meta Merz: Erotik Der Distanz,Planquadrat5,  Wiener Frauenverlag

 

F5 – humboldtterasse:

 

„ja da, auf der humboldtterasse, er hat´s mir dann erzählt, ich hab ihn erst kurz gekannt, den karli, und schauspieler war der,
und hat geredet wie ein wasserfall, und gespielt hat der, mit einem saukopf auf einem silbertablett und in der lederkluft
hat der die salome g´spielt, und alle haben gelacht wie er gesagt hat, zu dem saukopf nämlich, ich küsse deinen mund,
gesoffen hat der und jede nacht durch und dauernd irgendeinen text zitiert und rollen auswendig aus sich heraus, ganz auswendig,
mitten in der diskothek hat der seine texte geschleudert, und glauben hätt´st können, daß er der nero ist und lacht, weil rom brennt,
denn gelacht hat der karli viel, aber mehr wie eine frau, ganz spitz und unheimlich hat der gelacht und
ich hab mir gern von ihm den sekt zahlen lassen, und gefragt hab ich ihn jedes Mal, wann ich ihn im theater sehen kann,
und nach zwei wochen hab ich den gerhard an der bar gefragt, wo denn der karli ist und der hat g´sagt in der nervenheilanstalt,
weil er hätt´ sich umbringen wollen, der karli, und sommer war´s und die bienen haben gesummt in der wiesen, und jeden tag war ich am see baden,
und abends saufen, und dann hab ich gewartet, daß es mal regnet und bin hinaus zum karli, in die nervenheilanstalt, und er hat mager ausg´schaut,
sehr mager, aber gelacht hat er, und sein bettnachbar hat schon ein paar stichwörter können, die er dem karli hat geben müssen,
damit der seinen text hersagen konnte, und wenn der bettnachbar das stichwort nicht gewusst hat, hat der karli ihn bös ang´schaut.

 

daß ihm da der sekt abgeht, hat der karli gemeint, und ich hab ihn gefragt, ob ich ihn fragen darf und er hat gesagt, aber sicher,
lustig war´s wieder, hat der karli gesagt, weißt eh, auf der humboldtterrasse bin ich gestanden und hab mir gedacht, so geht es nicht weiter,
und war deprimiert und hab hinuntergeschrieen auf die stadt, und auf die oberleitung vom bus, und hab mir gedacht,
ihr werdet´s mich nie verstehen, und bin runtergesprungen.

 

und dann hat der klari gelacht, ganz fruchbar gelacht, und sein bettnachbar hat herg´sagt ´ha! wie? wer ist da?´,
und der karli hat´s gleich erkannt und aufgeschrieen, shakespeare, und gleich ist´s aus ihm losgesprudelt, ´oh weh! ich fürchte,
sie sind aufgewacht, und es ist nicht geschehn – der anschlag, nicht die tat verdirbt uns. – horch! – ich legt´ihm ihre dolche bereit,
die mußt´ er finden – hätt´ er nicht geglichen meinem vater, wie er schlief, so hätt´ ich´s selbst getan.-´

 

und dann ist er ins kissen zurückgesunken, ganz entspannt, und im nächsten moment ist er wieder aufrecht im bett gesessen und
hat mit der hand so einen winker gemacht und gesagt, ich soll ihm sofort einen spiegel geben, und ich hab ihm den spiegel geben,
und er hat gesagt, weißt du was der arzt gesagt hat, und dann hat er mir gesagt, was der arzt gesagt hat, nämlich,
daß den karli nur seine eitelkeit gerettet hat, denn das sterben hat ja nicht geklappt und sie haben ihn aus den büschen
ein paar meter weiter unten gezogen, und, hat mir der karli erzählt, das war nur, weil er so eitel ist und nicht

 als blutiger fleischfleck da unten auf der straße liegen wollt´. stell dir vor, hat der karli gesagt, stell dir vor,
vielleicht wäre sogar noch ein bus über mich drübergefahren, und er hat mir den spiegel wiedergegeben
und hat wieder gelacht und sein bettnachbar hat gesagt ´dort sieht´s erbärmlich aus´
und ganz müd hat der karli aus seinem bett gemurmelt ´wie wunderlich, erbärmlich das zu nennen´.

 

dann ist der karli eingeschlafen. war sowieso aus, die besuchszeit. bevor ich gegangen bin, hat mir der bettnachbar noch zugeflüstert:
er spielt nämlich die lady, die lady vom macbeth. und gekichert hat der bettnachbar, aber zum glück ist schon
die schwester mit den pillen dagewesen, und am nächsten tag war´s wieder heiß und ich bin zum see baden gegangen.“

 

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